Fallbeispiel: Die Beziehung als Basis

(Alle Namen und Details sind anonymisiert. Bilder sind aus unserem letzten Schwedenurlaub :))

Als die Besitzer*innen von „Ginny“ mit ihr zu mir kamen, war sie eine junge, unkastrierte Jack-Russell-Terrier-Hündin, mit einer klaren Meinung zu allem, was sich bewegt: Es soll sie ja nicht nerven!

Die Ziele ihrer Menschen waren klar:
Sie wollen entspannt mir ihr spazieren gehen und im Café sitzen können, OHNE dass Ginny jede Bewegung anderer Gäste kommentiert.

Was wir zuerst gemacht haben, hatte allerdings wenig mit Leinenführigkeit oder einem Cafébesuch zu tun

Beziehung vor Kommandos

Ginny lebt bei einem Paar und sehr schnell wurde deutlich, dass sie unglaublich fein darauf reagiert, wie ihre Menschen mit ihr umgehen. Wichtig ist zum Beispiel, dass die Person, die gerade mit ihr etwas klärt, dabei nicht von der anderen “unterstützt” wird. Ginny braucht klare Zuständigkeiten, dann fällt es ihr leichter Verantwortung abzugeben.

Gleichzeitig liebt Ginny es, neue kleine Konflikte aufzumachen. Das macht sie nicht, um ihre Menschen zu ärgern, sondern weil sie wissen möchte:
Gelten die Regeln wirklich noch? Heute und hier? 

Und genau diese Momente haben wir genutzt. Immer wieder ruhig, fair und konsequent zu zeigen: Ja, die Regeln gelten. Auch an neuen Orten, auch wenn fremde Menschen dabei sind, auch sonntags.

Leinenführigkeit und Orientierung als Prozess

Die Leinenführigkeit haben wir gemeinsam Schritt für Schritt aufgebaut. In reizarmen Situationen durften Ginny und ihre Halter*innen den Aufbau üben und das Konzept verstehen, bevor die ersten kleinen Reize dazu
gekommen sind.

Manchmal heißt das aber auch, kurz innehalten und wieder einen Schritt zurück, wenn es zu viel wurde. Oder aber auch, wenn von außen Reize dazu kommen, die man nicht beeinflussen kann, wie z.B. frühe Dunkelheit oder Schnee. 

Denn die eine gute Orientierung an den Menschen ist zwar das Ziel, aber dahinter steckt auch ein Prozess, der sich immer wieder an neue Umgebungen anpassen darf.

Runterfahren statt „Entspannen lernen“

Entspannung ist nichts, was man trainieren kann wie ein Sitz oder Platz.
Entspannt sein ist ein Gefühlszustand. Und Gefühle kann man nicht antrainieren. Aber wir können Bedingungen schaffen, die den Zustand begünstigen. 

Für Ginny haben wir deshalb Rituale und Gewohnheiten aufgebaut, die ihr helfen, sich selbst zu regulieren. Ein zentrales Element war dabei ein neues Deckenkommando. Nicht als „Du musst jetzt liegen bleiben“, sondern als Einladung: “Hier musst du nicht aufpassen, hier darfst du einfach mal sein.”

In Kombination mit der Orientierung an der Leine haben ihre Menschen damit einen Rahmen geschaffen, in dem Ginny sich im Café zurücknehmen kann. Die Decke hilft zu signalisieren, dass sie gerade nicht zuständig ist. Sie darf natürlich beobachten oder schlafen. Nur ihr Kommentar ist gerade nicht gewünscht. 

Parallel dazu haben wir an ihrer Frustrationstoleranz und Impulskontrolle gearbeitet.
Viele Alltagssituationen, die früher sofort eine Reaktion bei ihr ausgelöst haben, kann Ginny heute besser aushalten. Nicht, weil sie gelernt hat, sich nur zusammenzureißen, sondern weil ihr Nervensystem mehr Übung darin bekommen hat, wieder in die Ruhe zurückzufinden.

Ein Charakter ist kein Problem

Ginny ist unglaublich zuckersüß. Und sie hat, wie es für ihre Rasse typisch ist, einen ziemlich eigenen Dickkopf.

Manche Dinge muss man ihr gut erklären, manchmal auch mehr als einmal.
Andere muss man im Alltag einfach freundlich, klar und konsequent durchsetzen. Denn unsere Umwelt und das Zusammenleben in der Stadt fordert bestimmtes Verhalten von Mensch und Hund. 

Und das alles geht gemeinsam, nicht gegen den Hund, sondern für ein entspanntes Zusammenleben mit allem, was einem so täglich begegnet. 

Was dieses Team gelernt hat

Ginny lernt, dass sie sich zurücknehmen muss, aber auch darf. Ihre Menschen lernen, wie sie für Ginny Klarheit und Sicherheit schaffen.
Alle haben erkannt, dass Entwicklung kein Ziel ist, das man irgendwann abhakt – sondern ein Prozess, der sich im Alltag immer weiter entfaltet.

Das Training mit mir ist an dieser Stelle erst einmal zu Ende. Es ist nicht alles perfekt, aber die Menschen sind jetzt handlungsfähig. Sie wissen, wie sie neue Situationen einschätzen und wie sie reagieren können. Und auch ganz wichtig, sie wissen, wie sie sich selbst wieder sortieren, wenn etwas wackelt. Genau das ist für mich der Moment, in dem Training wirkt.

Natürlich können sie jederzeit wieder zu mir kommen. Bei neue Fragen, neue Themen oder einfach für ein gemeinsames Nachjustieren. Denn gute Begleitung bedeutet nicht Abhängigkeit, sondern Menschen und Hunde in die Lage zu versetzen, ihren Weg selbst weiterzugehen.